Artikel in den „Costa Blanca Nachrichten" vom 11.5.07

Vorhang auf für Lampenfieber

Eine Gruppe junger Spanier fasziniert das Publikum mit interaktivem Kabarett – und das mehrsprachig (Nina Hoff)

Wenn Rafael Valdueza deutsch spricht, hört man genau, wo er es gelernt hat: in Hamburg. „Ich kann auch etwas Platt", versichert er und bei dem Akzent glaubt man es ihm sofort, denn schon mit jungen Jahren kam der gebürtige Madrilene in die Hansestadt.

Seine Erinnerungen an seine Aufenthalte in Hamburg und anderen Städten Deutschlands hat der Wirtschafts- und Soziologie-Dozent an der Uni Alicante in kleinen Erzählungen festgehalten. „Deutsches aus Sicht eines Spaniers" nennen sich die gesammelten Werke, die er wahrscheinlich selbst verlegen wird, wenn sich kein Verlag findet.

Kritik mit Augenzwinkern

Dort kann der Leser beispielsweise erfahren, warum sich das Wort „Regenschirm" tief in sein Gedächtnis gebrannt hat. Und dass seine spätere Frau, die als Studentin von Barcelona nach Norddeutschland kam, beinahe ausgewiesen worden wäre, weil sie beim Einparken aus Versehen einem anderen Auto eine kleine Delle verpasst hatte und anschließend „Fahrerflucht" beging.

Rafael Valduezas Geschichten lesen sich mit einem Augenzwinkern und mit einem Schmunzeln, wobei mit Kritik an Deutschland und den Deutschen nicht gespart wird. „Aber ich bin versucht, ein spanisches Gegenstück zu schreiben. „Spanisches aus der Sicht eines (Fast)-Ausländers" und dabei würde mein Heimatland wahrscheinlich nicht viel besser wegkommen" sagt Valdueza und zieht an seinem Zigarillo.

Aber eigentlich will er mit seiner Lebensgeschichte gar nicht so sehr im Mittelpunkt des Interesses stehen. Ihm geht es vielmehr um seine Theatergruppe. Lampenfieber heißt diese und hat ihre Ursprünge am Jorge-Juan- Gymnasium in Alicante, wo Valdueza als Deutschlehrer arbeitet. Dort hat er 1992 die erste Gruppe an Theaterschauspiel interessierter Schüler zusammengetrommelt. Zwei Jahre später folgte der erste Auftritt in Alicante. Seitdem ist die Gruppe in 30 Städten, auch außerhalb Spaniens, aufgetreten.

Wer jetzt an Schultheater denkt und dabei die Nase rümpft, hat weit gefehlt. Denn Lampenfieber ist weit mehr als. Die Gruppe setzt sich heutzutage aus den Ex-Schülern zusammen, die quasi seit der Gründung dabei waren. Der feste Stamm besteht aus sieben Personen, Núria, Sirona, Víctor, María, Paula, Marcos und Merche, die keine Mühen scheuen, um bei einem Auftritt dabei zu sein. „Neulich ist ein Mitglied sogar aus Schottland angereist, wo sie ein Erasmus-Jahr verbringt, um bei unserem Auftritt in Bilbao dabei zu sein", berichtet Valdueza.

Wort- und sprachgewandt

Doch die Bereitwilligkeit, aus allen Ecken Alicantes, Spaniens, ja sogar Europas herbeizuströmen, wenn es wieder heißt: Vorhang auf, ist nicht die einzige Besonderheit, die Lampenfieber auszeichnet. Die Mitglieder sind zwar allesamt Spanier, tragen ihre Werke jedoch in bis zu vier Sprachen vor. Natürlich nicht alle auf einmal, dann wäre die babylonische Sprachverwirrung ja komplett. „Wir spielen auf Englisch, Spanisch, Katalanisch und Deutsch", erklärt Rafael Valdueza. Inhaltlich stehen die Stücke von Lampenfieber dabei ganz im Zeichen des Kabaretts, sind gesellschaftskritisch und doppeldeutig. 90 Minuten dauert das Programm, das Lampenfieber bei jeder Vorführung auf die Bühne bringt. Oft bieten sie an einem Abend eine deutsche, am anderen Abend eine englische Vorstellung. „Und am dritten Tag gucken wir uns die Stadt an, in der wir auftreten", verrät Valdueza.

Zuschauer im Rampenlicht

Die Stücke und Liedtexte, die live am Klavier begleitet werden, schreiben Rafael Valdueza und seine sprachtalentierten Schauspieler meistens selbst. Und überraschen dabei oft Muttersprachler, denn Witz und Wortspiel sitzen perfekt, Versprecher gehören längst der Vergangenheit an. Dabei darf nicht etwa vermutet werden, dass die ehemaligen Schüler allesamt Sprachen studieren. Im Gegenteil:Die meisten von ihnen sind studierte und angehende Ingenieure.

Damit auch die Zuschauer einmal spüren, wie es sich anfühlt auf einer Bühne zu stehen, sind viele Sketche und Stücke interaktiv. Bedeutet: Die Schauspieler holen ab und zu einen Zuschauer auf die Bühne, binden ihn in das Programm ein.

Natürlich ist es für die ehemaligen Schüler nicht mehr so leicht wie einst, alles unter einen Hut zu bekommen. Das Berufsleben wartet auf sie. Deshalb baut Rafael Valdueza jetzt am Gymnasium eine Art Nachfolgetruppe auf, die die schwierige Aufgabe haben, in die Schuhe ihrer Vorgänger hineinzuwachsen. Doch das wird ihnen sicherlich gelingen.

Trotz aller Reisen durch Spanien und ins Ausland, erst kürzlich war Lampenfieber auf einem internationalen Theater- und Sprachenfestival in Turin, die Schauspieler treten nach Einladung auch hier an der Küste auf. „Wir bieten ein 90 minütiges unterhaltsames Programm und können auch eine Theaterwerkstatt organisieren. Die würde so 1,5 bis zwei Stunden dauern", sagt Rafael Valdueza und findet, dass man damit einen deutsch-spanischen Abend oder das Kulturprogramm eines der zahlreichen Clubs oder Vereine durchaus bereichern könnte. „Ich persönlich kann aber auch Vorträge zu Themen aus dem spanischen Alltag, Kultur, Geschichte, Politik und so weiter anbieten", sagt der Kabarettleiter. Eine Sprachbarriere dürfte kaum zu erwarten sein. Deutsch, oder Englisch oder notfalls ook up Platt.

Rafael Valdueza hat ein englischsprachiges Buch zum aktuellen Spanien herausgegeben:

Talking About Present-Day Spain

ISBN: 978-84-611-6992-A, Preis 9,50 €, Lieferung über:

Librería - Editorial COMPAS Universidad

Universidad de Alicante

Apartado 6095, 03080 Alicante

e-mail: universidad@libreriacompas.com

Lampenfieber hat eine eigene, natürlich mehrsprachige, Homepage unter

www.lampenfieber.org

Wer Kontakt zu Rafael Valdueza aufnehmen möchte, sollte dies per E-mail versuchen:

rafael.valdueza@ua.es